Neulich habe ich einen Aufsatz in deutscher Sprache geschrieben, um unsere deutschen Familienmitglieder und Freunde über das koreanische Flussbauprojekt näher zu informieren und ihnen zu erklären, warum wir Koreaner uns zur Zeit über das Flussbauprojekt in Korea so aufregen. Ich wollte mich auch auf die Weise bei den deutschen Ehepartnern bedanken, die mir für den Prozess gegen das Flussbauprojekt eine Spende mitgeschickt haben.

Was hat das südkoreanische Flussprojekt mit Deutschland zu tun?

Was hat das südkoreanische Flussprojekt mit Deutschland zu tun?[In Südkorea brodelt es zur Zeit heftig. Während der Protest gegen das staatliche 4-Flüsse-Projekt immer lauter wird, arbeiten Baumaschinen Tag und Nacht an mehreren Flüssen landesweit, graben Flussböden aus und bauen über 10 m hohe Staustufen. Dieses gigantische Bauprojekt, das bei der UN-Umweltorganisation UNEP als Global Green New Deal eingetragen ist, soll die ökologische Wiederbelebung der Flüsse bezwecken.

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Komisch ist nur, dass man eine Wiederbelebung der Flüsse anders wo in der Welt inzwischen durch ganz andere Maßnahmen zu erreichen sucht als durch Flußvertiefung und Staustufenbau. In Deutschland werden zahlreiche Flüsse und Bäche renaturiert, indem die Betonbauteile aus dem Wasser wieder entfernt werden, um den Flussufern ihre natürliche Form, flach und breit, zurückzugeben, zum Beispiel bei der Isar in München. Interessant ist auch, dass Deutschland mit diesem koreanischen Bauprojekt etwas zu tun hat, sehr viel sogar: Von der Geburtsstunde des Projekts an, bis zum heutigen Streit darum taucht Deutschland immer wieder als Referenzland auf, und zwar sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern des 4-Flüsse-Projekts. Bei der Entstehung der Idee diente Deutschland als Vorbild, nun dient es als Gegenmodell.

Die Geschichte begann so. 2006 kam der Präsidentschaftskandidat Lee Myoung-Bak nach Deutschland, um den Rhein-Main-Donau-Kanal zu besichtigen. Er war von diesem sehr angetan und verkündete, alle wichtigen Flüsse in Korea miteinander zu verbinden und zu Schifffahrtsstraßen auszubauen, falls er zum Präsidenten gewählt werden würde. Ende 2007 gewann er die Wahl und machte sich sofort an die Arbeit. Ein gigantischer Kanal-Plan entstand in kürzester Zeit.

Viele Leute, allen voran Professoren und Wissenschaftler, fragten aber, wozu auf einer kleinen Halbinsel von 200 km Breite und 500km Länge eine längs verlaufende Binnenwasserstraße gut sein soll, wenn jede Stadt unweit vom Meer liegt. Der Bedarf war also stark umstritten. Außerdem besteht das Land Korea, die „Schweiz Asiens“ genannt, zu 70% aus Gebirgen und seine kurvenreichen Flüsse weisen enorme Wassermengenschwankungen auf, weil 85% des Jahresniederschlags sich auf zwei Monate konzentrieren. Das Verhältnis der Wassermenge von Hochwasser zu Niedrigwasser liegt bei einem Fluss bei 1 zu 90 und bei einem anderen bei 1 zu 260, während es beim Rhein bei 1 zu 14 liegt. Denkbar ungünstige Bedingungen also, die nur durch sehr harte Eingriffe in die Natur bezwungen werden könnten. Für das Planen und Bauen von 540 km Wasserstraße von 6m Tiefe und 100m Breite mit 19 Schleusen und einem 26 km langen Tunnelpaar durch den Berg waren nur 4 Jahre Zeit vorgesehen, weil das Projekt in der Amtszeit des Präsidenten Lee fertiggestellt werden sollte.

Die Koreaner, die den Präsidenten Lee gewählt haben, weil sein Wahlversprechen von einem Wirtschaftswachstum von 7% in dieser düsteren Zeit Hoffnung schuf, mochten aber keinen solchen Kanal haben. Auch nicht, wenn das Bauprojekt kein Steuergeld kosten würde, weil es gänzlich durch private Investoren finanziert werden würde. Sie wollten einfach keine Motorschiffe auf ihrem Trinkwasser schwimmen sehen, denn in Korea wird 85% des Trinkwassers aus dem Oberflächenwasser gewonnen.

Während die Protestwelle gegen den Korea-Kanal immer massiver wurde, sickerten Informationen aus Deutschland nach Korea durch, dass der Rhein-Main-Donau-Kanal überhaupt nicht, wie propagiert, zum florierenden Wirtschaftswachstum Deutschlands beigetragen hat, sondern gerade einmal 10% seiner Betriebskosten einnimmt und damit den Steuerzahlern Jahr für Jahr zur Last fällt. Über den Rhein, dessen Schifffahrtsstraße in Korea als Synonym vom Wirtschaftswunder Deutschlands gilt („Wunder am Rhein“), erfährt man auch, dass der Flussausbau des Oberrheins zu jährlichen Hochwasserkatastrophen im Mittel- und Unterlauf geführt hat und deshalb zur Zeit ein kostspieliges Renaturierungsprogramm am Oberrhein läuft. Überhaupt habe in Deutschland längst ein Wandel bei der Flusspolitik stattgefunden, so dass viel Baggern und viel Beton am Fluss nun zur Vergangenheit gehören. Dies alles erzählten schließlich prominente deutsche Politiker, Umweltschützer, Wissenschaftler und Journalisten* vor laufenden Kameras für die koreanischen Fernsehzuschauer. Nach langem hin und her erklärte Präsident Lee, das Korea-Kanal-Projekt endgültig fallen zu lassen. Das war im Juni 2009.

Vier Monate später, im November 2009, gab es den ersten Spatenstich am Fluss. Nein, das ist kein Kanalprojekt, erklärte die Regierung, das ist ein Flussprojekt, das sogenannte 4-Flüsse-Projekt, mit dem Beinamen „Fluss zum Leben erwecken“. Die vier größten Flüsse des Landes werden zum Teil bis zu 7 m tief ausgebaggert und mit 16 riesigen Staustufen versehen. Die höchste wird 13,2 m hoch und die längste 953 m lang sein. All diese Maßnahmen seien zur Sicherung sauberen Trinkwassers und zum Hochwasserschutz auf ökologische Weise notwendig. Aber, sinnierte Präsident Lee zwei Wochen später, man könnte diese Flüsse irgendwann bei Bedarf miteinander verbinden. Dann hätte man flugs ein Wasserstraßennetz durch das ganze Land, aber natürlich nur, wenn das Volk es wünscht.

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Als Gesamtbausumme des 4-Flüsse-Projekts wurde anfangs haargenau der gleiche Betrag genannt wie beim Korea-Kanal-Projekt, nur mit dem Unterschied, dass das Projekt diesmal mit Steuergeldern finanziert wird. Nach kurzer Zeit ist die Summe um 60% angewachsen und beträgt nun 19 Milliarden Dollar. Die Regierung wollte aber nicht die Haushaltsgenehmigung durch das Parlament zum Jahresende abwarten, sondern musste unbedingt im November noch mit dem Bau beginnen. Also ließ sie das Gesetz ändern, damit das Projekt von der Genehmigungspflicht entbunden wird. Die Umweltverträglichkeitsstudie inklusive Modellversuche und Simulationen ist in nur vier Monaten, die Denkmaluntersuchung ist in nur zwei Monaten durchgezogen worden, und zwar für die 634 km lange Gesamtstrecke. Keinerlei wissenschaftlich seriöser Austausch hat stattgefunden, weder in nationalen noch in internationalen Tagungen, obwohl es sich um einen großen und großflächigen Eingriff in die Natur des gesamten Landes handelt und zwar mit einer Methode, vor der man anders wo auf der Welt warnt, weil man damit in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht hat.

Nicht nur Umweltverbände sondern auch über 2500 Professoren organisieren sich mittlerweile landesweit, um das Projekt zu stoppen. Geistliche von verschiedenen Religionen treten gemeinsam in einen Hungerstreik, die katholische Kirche und die Buddhisten bilden eine geschlossene Front gegen das Projekt. 72 % der Bevölkerung sind dagegen oder skeptisch gegenüber dem größten und teuersten Bauprojekt der koreanischen Geschichte von 5000 Jahren. Ein Prozess gegen die Regierung läuft, laut den Klägern hat sie beim 4-Flüsse-Projekt mehrere Gesetze nicht eingehalten und Verfahrensfehler gemacht.

Bis Ende dieses Jahres sollen die Bauarbeiten zu 60 % fertig gestellt werden. Ackerland in vielen Orten, unzählige archäologische Schätze und die Lebensräume für den größten Zugvogelbestand Asiens drohen nun unter Wasser zu verschwinden. Verloren gehende Feuchtgebiete könne man ersetzen, heutzutage sei alles möglich mit der modernen Technologie, erklären die Planer. Präsident Lee, der einstige Geschäftsführer des Hyundai-Baukonzerns, hat überhaupt großes Vertrauen in die moderne Technologie. Aber ausgerechnet die Wissenschaftler sind skeptisch und warnen vor nicht-wieder-gut-zu-machender Umweltzerstörung. Sie glauben, dass die leichtfertige Ausgrabung des Flussbodens, unter dessen Sandschicht allerlei Altlasten der Industrialisierung lagern, zu Wasserverschmutzung mit fatalen Folgen führen kann. Außerdem würden die riesigen Staustufen das natürliche Fließen des Wassers behindern und somit die Selbstreinigungskraft des Flusses vermindern. Diese Aussagen gehen zum Teil auch aus den Studien von staatlichen Forschungsinstituten hervor, die bis vor zwei Jahren dem Trend des schonenden Umgangs mit der Natur folgten. Nur die Massenmedien schweigen zu diesem Thema beharrlich. Trotzdem ist man informiert, nämlich durch das Internet.

Das Internet verbindet die Koreaner auch weltweit. Zur Zeit kursieren in Korea wunderschöne Fotos von der Isar in München, die durch Blogger verbreitet wurden. Die Koreaner finden die Isar schön und den Isarplan gelungen, der die Isar von früheren Betonbauteilen befreit hat, die natürlichen Uferstrukturen wiederhergestellt und somit eine Wiederbelebung des Flusses geschaffen hat. Das Ziel war das gleiche wie beim 4-Flüsse-Projekt: Hochwasserschutz, Sicherung der Wasserqualität, Naturschutz, Schaffung von Erholungsraum. Die Methode war aber genau entgegengesetzt. Der Ablauf war auch anders. Während die Koreaner für 634 km lange Strecke nur 2 Jahre Bauzeit einplanen, haben die Münchener für die 8 km Strecke 10 Jahre lang geplant und untersucht und dann weitere 10 Jahre zum Bauen gebraucht. Dabei sind die Deutschen weder faul noch dumm, so denken die in Deutschland lebenden Koreaner und bloggen das. Auf der anderen Seite der Erdkugel schauen sich die Menschen die Fotos von der Isar auf dem Monitor an und bloggen zurück: Diese wunderschönen natürlichen Zustände hätten wir jetzt schon, wenn diese Bulldozer nicht wären. Währenddessen brummen die Baumaschinen Tag und Nacht immerfort.

© Dr.-Ing. Hea-Jee Im, München den 17. 4. 2010

* u.a. Bundesminister für Verkehr a.D. Volker Hauff, Europaabgeordneter Michael Cramer (die Grünen), Bundestagsabgeordnete Brunhilde Irber (SPD), Vorsitzender vom BUND Hubert Weiger, Professor an der Uni Freiburg Albert Reif, Journalist vom Kölner Stadt-Anzeiger Horst Stolzenburger


Die folgenden Fotos zeigen koreanische Flüsse und Natur, die vom 4-Flüsse-Projekt dirket betroffen sind.

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Zur Zeit sieht es so aus…

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und die stolze Planung, die anstelle der oben gezeigten Flusslandschaft realisiert wird.

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Artikel zu diesem Thema:
1. Science Magazin, 26.3.2010: Restoration or Devastation?
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2. Telepolis, 13.11.2009: Südkorea will sein Flusssystem durch ein gigantisches Bauprojekt verändern
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31473/1.html
3. Birds Korea: 4 rivers
http://www.birdskorea.org/Habitats/4-Rivers/BK-HA-4-Rivers.shtml